Von der Vision zur internationalen Bewegung

Zehn Jahre ist es her, dass aus einer persönlichen Krebsdiagnose und der Leidenschaft für die Berge eine Idee entstand, die heute Menschen in ganz Europa und darüber hinaus bewegt. Im ausführlichen Jubiläumsinterview blickt Gründerin und Präsidentin Petra Thaller auf eine beeindruckende Dekade zurück. In diesem ausführlichen Interview zum Jubiläum blickt die Gründerin und Präsidentin Petra Thaller auf ein bemerkenswertes Jahrzehnt zurück.

Die Meilensteine im Überblick

Was 2015 mit einer Website begann, entwickelte sich schnell zu einer anerkannten NGO: Bereits im Gründungsjahr wurde die Europäische Kommission auf OAC aufmerksam. Der Durchbruch kam mit dem ersten EU-Projekt in Kooperation mit der Technischen Universität München.

Europäische Projekte als Wachstumsmotor

Heute kann OAC auf eine beeindruckende Bilanz von EU-geförderten Projekten zurückblicken: Von OAC: my goal – Outdoor Against Cancer: Move yourself, Go Out and Live, über das 2,5 Millionen Euro schwere OACCUs – Outdoor Against Cancer Connects Us, bis hin zu RYHEALTH – Rock Your HEALTH, einer Gesundheits-Bildungsinitiative an europäischen Schulen.

OAC’s übergeordneten Ziele: Aufklärung, Ausbildung und körperliche Aktivität u.a. in Form von evidenzbasierten Outdoortrainings, um möglichst viele von Krebs Betroffene und deren soziales Umfeld zu erreichen.

Innovation trifft Evidenz: Das 4×4 Training

Der neueste Meilenstein ist OAC’s evidenzbasiertes 4×4 Training für Krebspatient:innen und deren soziales Umfeld, das seit April 2025 in München angeboten wird.

Das aus dem norwegischen Leistungssport adaptierte Intervalltraining hat bereits an einem Münchner Standort mehr als 120 Interessierte in den Chat-Gruppen mobilisiert – ein beeindruckender Start.

Nächste Schritte: Skalierung auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene, mit dem übergeordneten Ziel, OACs 4×4 Training als festen Bestandteil in der onkologischen Therapie zu verankern.

Herbst-Highlights: European Society For Medical Oncology | ESMO und neue Partnerschaften

Die kommenden Monate bringen spannende Entwicklungen:

Beim größten europäischen onkologischen Kongress, dem diesjährigen ESMO in Berlin (17.-21. Oktober), wird OAC gleich mehrfach vertreten sein. Unter anderem werden wir im Rahmen der Podiumsdiskussion des von MSD organisierten ESMO Patient Advocacy Connection Forum 2026 mit dem Leitthema Unlocking Artificial Intelligence: Advancing Cancer Care with Patients at the Center teilnehmen. Detaillierte Informationen zu den weiteren Programmpunkten und Diskussionen, bei denen OAC im Rahmen des ESMO auftritt, folgen in einer gesonderten Veröffentlichung.

Parallel arbeitet das OAC’s wissenschaftliches Team mit Hochdruck an der Fortbildung Einführung in Training bei Krebs, die ab 2026 digital verfügbar sein wird.

Das komplette Interview – mit allen Details zu Partnerschaften, Zukunftsplänen, der Vision, Bewegung als Medikament flächendeckend verfügbar zu machen, ist hier nachzulesen.

Susa Schreiner: 10 Jahre Outdoor Against Cancer. Wie hat sich OAC zwischen 2015 und 2025 von einer persönlichen Vision zu einer europaweiten Bewegung für Krebspatient:innen und Krebsüberlebende entwickelt?

Petra Thaller, OAC Gründerin und Präsidentin: Die persönliche Vision entstand aufgrund meiner 53-jährigen Lebensgeschichte und letztlich aufgrund meiner Art und Weise, wie ich mit Problemen umgehe.

Als ich 2015 die Diagnose Brustkrebs bekam, habe ich mir vorgenommen, dass ich mein Leben so weiterführe, wie ich es bis dahin getan habe. Verantwortung für mich und meine Kinder übernehme.

Auch während der Chemotherapie viel in die Berge gegangen, so oft es ging, an der Isar gelaufen und habe trainiert – Ausdauer und Kraft, manchmal ging es leicht, manchmal fiel es mir schwerer, aber draußen war ich immer.

An einem dieser winterlichen Skitouren Tage mit einem Freund, hatte dieser dann die Idee das Thema ‚Draußen in Bewegung sein‘ für Krebspatient:innen anzubieten. Meine erste Reaktion war: Nein, das machen wir jetzt nicht, jetzt werde ich erstmal gesund.

Aber letztlich hat sich der Gedanke doch in meinem Kopf so festgesetzt. So habe ich dann doch analog zu meiner Passion, draußen in der Natur aktiv zu sein, Outdoor Against Cancer noch während der Chemotherapie gegründet.

S. Schreiner: Und, was waren die wichtigsten Meilensteine in den vergangenen 10 Jahren OAC?

P. Thaller: Hier möchte ich als erstes meine Geschäftspartner:innen aus der Outdoor-Sport-Branche nennen. Zur damaligen Zeit war ich Herausgeberin des digitalen Bergsport Magazins Mountains4U. Von den damaligen Anzeigen- und Kooperationspartnern aus der Outdoor-Branche bekam ich im April 2015 finanzielle Unterstützung, um die erste OAC-Webseite aufzusetzen und ein ‘Branding’ zu entwickeln.

Wenige Monate später im Juli 2015 bot mir die European Outdoor Group (EOG) zur Outdoor-Messe die Gelegenheit, vor 120 eingeladenen Journalisten die Idee, Sport und Bewegung in der Natur als Krebsprävention von OAC vorzustellen. Ein wichtiger erster Meilenstein in unserer 10-jährigen Geschichte.

Auf unsere Initial-Website ist dann das Policy Department der Europäischen Kommission gestoßen und hat mich als Speakerin in das Europäische Parlament nach Brüssel eingeladen. Der Workshop: The fight against cancer is a team sport, the role of education and sports hob die Bedeutung von Sport und Bildung im Kampf gegen Krebs hervor. Gemeinsam mit renommierten Vertretern des Internationalen Olympischen Komitees, der Europäischen Kommission und der Weltgesundheitsorganisation pushten wir dieses wichtige Thema auf der Europäischen Bühne voran.

Fünf Jahre später, am 3. Februar 2021 wurde der Europäische Plan zur Krebsbekämpfung von der Europäischen Kommission offiziell vorgestellt.
Weil ich eine Frau der Tat bin, habe ich direkt nach dem Workshop Yves Le Lostecque, den ‚Head of the Erasmus Mundus and Sport Unit’, angeschrieben und nach Fördermöglichkeiten für OAC gefragt. Kurz darauf folgte eine Einladung nach Brüssel zum SPORTInfo Tag, und so nahm alles seinen Lauf. Gemeinsam mit der Technischen Universität München reichten wir unseren ersten Projektantrag ein, zunächst ohne Erfolg. Doch der zweite Anlauf brachte 96 von 100 Punkten und damit die Basis für das heute durch die Bayerische Landesärztekammer international zertifizierte OAC-Training (60 CME).

S. Schreiner: Die EU-Projekte sind ein wichtiges Tool, was die Entwicklung von OAC betrifft. Welche dieser Projekte sind besonders hervorzuheben und inwiefern haben sie die europaweite Gesundheitsförderung und Krebsprävention nachhaltig beeinflusst?

P. Thaller: Die EU-Projekte sind ein wichtiges Instrument für die Entwicklung von OAC. Besonders hervorzuheben sind OAC: my goal – Outdoor Against Cancer – Move Yourself, Go Out and Live. Die Botschaft lautete damals wie heute, dass jede:r selbst Verantwortung für die eigene Gesundheit trägt. Mit OAC: my goal konnten wir 2021 das erste EU finanzierte Projekt erfolgreich abschließen. Im Anschluss brachte der European Cancer Plan die ersten Calls der Digital Health Agency. Daraus entstanden in den Jahren 2021 und 2022 aus der Feder des wissenschaftlichen Teams von OAC u. a. OACCUs – Outdoor Against Cancer Connects Us (2,5 Mio. Euro Förderung) und RYHEALTH – Rock Your HEALTH mit 1,2 Mio Euro Förderung. OACCUs und RYHEALTH sind Bestandteil von insgesamt 27 Initiativen von Europe’s Beating Cancer Plan, darauf bin ich stolz. Weitere Projekte wie das Horizon-Europe-Forschungsprojekt SUN XR, das Erasmus+-Sport-Projekt UCanACT und Active Aging leisten unverzichtbare Beiträge, indem sie digitale Innovation und gesundes Altern in den Mittelpunkt stellen.

S. Schreiner: Bewegung und Sport an der frischen Luft sind die Herzstücke von OAC. Welche spezifischen Trainingslösungen hat OAC entwickelt, um den besonderen Bedürfnissen von Krebspatient:innen, Überlebenden sowie deren unterstützendes soziales Netzwerk gerecht zu werden?

P. Thaller: Grundsätzlich ist es doch so: Der wichtigste Schritt ist, vor die Haustüre zu treten. Jeder von uns kennt das, wenn wir nicht gut drauf sind und uns irgendwie dazu aufraffen, an die frische Luft zu gehen, dann hilft uns das, die Gedanken zu ordnen. Das Grün der Blätter, der blaue Himmel, das Vogelgezwitscher, frisch gemähtes Gras, salzige Meeresluft – all das hilft uns dabei, glücklicher zu sein. Kommen dann noch Bewegung und Sport dazu, passiert noch mehr Positives in und mit unserem Körper und unserem Geist. Das war und ist meine Lebensgrundlage.

Dies wollte ich auch an andere Krebspatient:innen weitergeben. Am 3. Dezember 2015 habe ich selbst das erste funktionelle Training im Fitness Parcours an den Isarauen in München angeboten. Als Betroffene, für Betroffene. Bereits damals hat es Betroffene und ihr soziales Umfeld verbunden, Menschen in Bewegung gebracht und ihre Lebensstile nachhaltig positiv beeinflusst. Einige der Teilnehmer:innen sind 10 Jahre später bei OAC’s evidenzbasierten 4×4 Training nach wie vor dabei.

Gemeinsam mit dem Sportphysiologen Rūdolf Cešeiko, Ph.D., unserem Kollegen aus Riga, hat unser wissenschaftliches Team das 4×4 Training speziell für Krebspatient:innen entwickelt. Cešeiko ist selbst junger Krebsüberlebender und forscht seit vielen Jahren in diesem Bereich. Grundlage unseres evidenzbasierten 4×4 Trainings, das wir derzeit in München und Riga anbieten, ist ein Intervalltraining aus dem Leistungssport – ursprünglich von norwegischen Wissenschaftler:innen entwickelt und später erfolgreich in der Kardiologie eingesetzt.
In unseren Chat-Gruppen in München und Riga sind inzwischen über 300 Menschen aktiv, die am Training teilnehmen oder Interesse zeigen – ein großer Erfolg in kurzer Zeit. Unser Ziel ist es, dieses Angebot in weitere Städte zu skalieren: ein kostenfreies Training im Stadtpark, offen für alle. Denn Krebs bedeutet oft nicht nur Einsamkeit, sondern auch finanzielle Belastung. Seit 2015 wird OAC bereits vom Brustzentrum der LMU Kliniken unterstützt – mit dem im April 2025 geschlossenen Kooperationsvertrag mit dem Krebszentrum – CCC MünchenLMU – Comprehensive Cancer Center ist diese Zusammenarbeit nun auch offiziell in Kraft getreten.

S. Schreiner: Gibt es hier ein übergeordnetes Ziel?

P. Thaller: OAC verfolgt das Ziel, das 4×4 Training als festen Bestandteil der begleitenden Krebstherapie zu etablieren. Aber das dauert. Gleichzeitig ist es uns ebenso wichtig, Wissen weiterzugeben und Fachkräfte auszubilden. Bereits in Kürze starten wir mit der digitalen OAC-Fortbildung 4×4 Trainings Methode, und ab dem ersten Quartal 2026 folgt die digitale OAC-Fortbildung Einführung in Training bei Krebs. Beide Fortbildungen informieren, befähigen und begleiten Patient:innen, Überlebende und Gesundheitsfachkräfte gleichermaßen.

S. Schreiner: Damit so wichtige Arbeit geleistet werden kann, braucht es Geld. Welche konkreten Vorteile und Effekte ergeben sich für Firmen, die das 4×4 Training finanziell unterstützen, und inwiefern trägt diese Förderung zu ihrem sozialen Engagement und Markenimage bei?

P. Thaller: Das Prinzip ist einfach: Jedes Unternehmen hat einen Standort – und kann für diesen Ort die Kosten für ein Jahr 4×4 Training übernehmen. Damit finanzieren Firmen nicht nur ein wissenschaftlich fundiertes Präventionsangebot für Menschen mit Krebs, sondern auch die Fortbildung von Trainer:innen, Physiotherapeut:innen, Ärzt:innen oder Sportwissenschaftler:innen. Zugleich investieren sie in die eigene Mitarbeitergesundheit: Das Training steht allen offen, stärkt Resilienz, Leistungsfähigkeit und Teamgeist. Sichtbarkeit, gesellschaftlicher Nutzen und gelebte CSR gehen hier Hand in Hand – ein Beitrag zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention, der lokal beginnt und international wirkt zu vertreiben und Publik zu machen, dann haben wir, dann habe ich mein Ziel erreicht.

S. Schreiner: Vom Ausblick auf die kommenden Monate zur nahen Zukunft: Welche Gelegenheiten wird OAC diesen Herbst nutzen, um das Bewusstsein für die Bedeutung von Bewegung bei Krebs zu stärken? Wo können wir OAC treffen und erleben?

P. Thaller: Die kommenden Monate bringen spannende Entwicklungen: Beim größten europäischen onkologischen Kongress, dem diesjährigen ESMO in Berlin (17.-21. Oktober), wird OAC gleich mehrfach vertreten sein. Wir sind Teil der Paneldiskussion des von MSD organisierten ESMO Patient Advocacy Connection Forum 2026 mit dem Leitthema ‘Unlocking Artificial Intelligence: Advancing Cancer Care with Patients at the Center’. Denn neben Bewegung und Community-Erlebnissen gehören AI und Extended Reality für uns zu den wichtigen Bausteinen der Krebstherapie von morgen. Damit unterstreichen wir, dass Physical Activity ein zentraler Bestandteil moderner Krebsprävention und -therapie ist.

S. Schreiner: Welche weiteren Initiativen sind in der Planung?

P. Thaller: Unser wissenschaftliches Team arbeitet gerade an der evidenzbasierten ‘Einführung in Training bei Krebs‘ einem digitalen Training, das darauf ausgelegt ist, Krebspatient:innen, Überlebende sowie Gesundheitsfachkräfte zu informieren, zu stärken und anzuleiten. Aufbauend auf führender wissenschaftlicher Evidenz und der klinischen Expertise von Expert:innen der Exercise Oncology führt der Kurs die Teilnehmenden durch drei miteinander verbundene Phasen:

  • Phase 1 – Grundlagen: Warum Bewegung in der Krebstherapie unverzichtbar ist und welche Mechanismen dahinterstehen.
  • Phase 2 – Prinzipien & Vorbereitung: Wie viel Bewegung empfohlen wird und wie sie sich in den Alltag und die individuelle Situation integrieren lässt.
  • Phase 3 – Praxis: Die 4×4-Methode: Wie sich die gesundheitlichen Vorteile durch die evidenzbasierte 4×4-Methode optimieren lassen – inklusive eines Bauplans für ein strukturiertes Bewegungsprogramm.
Schreibe einen Kommentar:
Über OAC

Outdoor Against Cancer ist eine gemeinnützige Organisation, die Menschen darin unterstützt, ein ganzheitliches Wohlbefinden zu verfolgen: Geist, Körper und eine tiefe Verbindung zur Natur.

Diese Geschichte teilen – wähle deine Plattform!