|13. November 2025|Events|

Wenn Bewegung zur Medizin wird

Nach seiner Krebserkrankung entdeckte Nicolas „Nick“ Kisling das Laufen für sich
neu. Er sah darin einen Weg, Vertrauen, Energie und Lebensfreude
zurückzugewinnen. Im Gespräch mit OAC-Sportwissenschaftlerin Hannah Pfeifle,
erzählt Kisling wie Bewegung in der Natur Heilung unterstützt und warum
Achtsamkeit oft mit dem ersten Schritt beginnt.

Hannah Pfeifle: Wie kam es dazu, dass du überhaupt das Laufen für dich
entdeckt hast?
Nick Kisling: Ich bin eigentlich schon in meiner Kindheit und Jugend viel gelaufen,
aber während meiner Studienzeit habe ich das etwas aus den Augen verloren. Als
ich später krank wurde und viel Zeit im Krankenhaus verbringen musste, entstand in
mir ein starkes Bedürfnis, wieder rauszukommen, mich zu bewegen und die Natur zu
spüren. Einen Monat nach meiner letzten Bestrahlung saß ich dann im Flieger nach
Teneriffa zum Wandern. Ich war nie der große Outdoorsportler, aber dort habe ich
gemerkt, wie befreiend sich Bewegung in der Natur anfühlt. Dieses Gefühl hat mir
das Selbstvertrauen gegeben, weiterzugehen – und irgendwann auch schneller. So
wurde aus dem Wandern ganz natürlich das Laufen, und die Wanderschuhe wurden
nach und nach durch Trailrunning-Schuhe ersetzt.

H. Pfeifle: Wie bist du auf OAC aufmerksam geworden?
N. Kisling: Ich habe OAC eher zufällig entdeckt, nach meiner Genesung. Die Idee,
Bewegung und Natur mit Aufklärung und Unterstützung für Krebspatient:innen zu
verbinden, hat mich sofort angesprochen. Ich konnte mich mit dieser Mission sehr
identifizieren, weil ich selbst erlebt habe, wie heilsam es sein kann, draußen zu sein
und sich zu bewegen.

H. Pfeifle: Welcher Lauf hatte bisher die größten Herausforderungen? Und wie
hast du sie gemeistert?
N. Kisling: Eigentlich ist jedes Rennen eine Herausforderung, weil man sich leicht
von anderen mitreißen lässt und schneller laufen möchte, als es einem guttut. Aber
genau das Schöne am Laufen ist ja, dass man sein eigenes Tempo finden darf. Für
mich bedeutet Laufen, bewusst zu bleiben, und gerade so schnell zu laufen, dass ich
die Schönheit meiner Umgebung nicht aus den Augen verliere. Dieses Gleichgewicht
zwischen Ehrgeiz und Achtsamkeit ist die größte Herausforderung und gleichzeitig
das, was mich am meisten am Laufen fasziniert.

H. Pfeifle: Was bedeutet dir Bewegung, körperlich und mental?
N. Kisling: Freiheit. Sie gibt mir das Gefühl, Kontrolle über meinen Körper zu haben
und neue Orte zu erkunden. Das Laufen hilft mir, den Kopf freizubekommen,
Gedanken zu sortieren und gleichzeitig ganz im Moment zu sein. Es ist wie eine
Form der Meditation in Bewegung, ein Raum, in dem ich mich selbst immer wieder
neu kennenlerne.

H. Pfeifle: Gibt es diesen einen Moment beim Laufen, der dir immer in
Erinnerung bleibt?
N. Kisling: Für mich ist es immer der letzte Kilometer, der in Erinnerung bleibt. Egal,
wie lang oder schwer der Lauf war – dieser Moment, wenn man spürt, dass man es
gleich geschafft hat, ist etwas Besonderes. Man läuft nicht mehr gegen die Strecke,
sondern voll und ganz mit sich selbst. Das fühlt sich an wie eine Mischung aus
Erleichterung, Stolz und Ruhe und erinnert mich jedes Mal daran, warum ich laufe.

H. Pfeifle: Lange Strecken verlangen nicht nur Kondition, sondern auch Kopf.
Was hilft dir, dranzubleiben, wenn es hart wird?
N. Kisling: Ich erinnere mich daran, dass ich das alles freiwillig mache, aus Freude
und nicht aus Zwang. Dass ich jederzeit langsamer laufen oder ein paar Schritte
gehen kann, wenn ich will. Das nimmt den Druck raus und gibt mir neue Energie,
auch dann weiterzulaufen, wenn es anstrengend wird. Und eine gute Playlist hilft
auch immer.

H. Pfeifle: Wenn du an Gesundheit denkst, was würdest du Menschen mit auf
den Weg geben, die gerade selbst eine Krebsdiagnose erhalten haben?
N. Kisling: Ich würde sagen: Sei geduldig mit dir selbst. Es ist okay, wenn nicht jeder
Tag gut ist. Aber versuch, dich jeden Tag ein kleines Stück in Richtung Leben zu
bewegen. Egal, ob das bedeutet, einmal tief durchzuatmen, spazieren zu gehen oder
einfach nur zu lächeln. Und vergiss nicht: Du bist mehr als deine Diagnose.
Irgendwann kommt der Moment, an dem du wieder spürst, was dein Körper alles
kann, und das ist ein unglaublich starkes Gefühl.

Über Nicolas „Nick“ Kisling
Nick Kisling ist Marketingspezialist bei der Schweizer Laufmarke On Running in Zürich. 2019
erhielt er die Diagnose Hodgkin-Lymphom im Stadium 2 – ein Einschnitt, der sein
Verhältnis zu Bewegung und Natur grundlegend veränderte. Heute nutzt er das
Laufen nicht nur als persönlichen Ausgleich, sondern auch, um Bewusstsein für die
Bedeutung von Bewegung in der Genesung zu schaffen. Im November 2025, sechs
Jahre nach seiner Erkrankung, absolvierte Kisling den 26 K beim UTMB Mallorca, um
Spenden für OAC zu sammeln – gemeinsam mit On und
Right to Run.

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Über OAC

Outdoor Against Cancer ist eine gemeinnützige Organisation, die Menschen darin unterstützt, ein ganzheitliches Wohlbefinden zu verfolgen: Geist, Körper und eine tiefe Verbindung zur Natur.

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