Das National Comprehensive Cancer Network (NCCN) definiert krebsbedingte Fatigue als ein belastendes, anhaltendes und subjektives Gefühl körperlicher, emotionaler und/oder kognitiver Erschöpfung im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung oder deren Behandlung. Diese Erschöpfung steht in keinem angemessenen Verhältnis zur vorausgegangenen Aktivität und beeinträchtigt die alltägliche Funktionsfähigkeit.[1] Krebsbedingte Fatigue tritt nur selten isoliert auf. Häufig geht sie mit weiteren Symptomen wie Schmerzen, emotionaler Belastung, Angst, Depressionen, Anämie, Schlafstörungen oder Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit einher.[1]

Charakteristika der krebsbedingten Fatigue:
- Fatigue gehört zu den häufigsten Begleiterscheinungen einer Krebsbehandlung und kann auch Monate oder sogar Jahre nach Abschluss der Therapie bestehen bleiben.[2]
- Verlauf und Intensität unterscheiden sich individuell und hängen unter anderem von der jeweiligen Krebsdiagnose und Behandlung ab.[2]
- Fatigue sollte bereits zu Beginn der Behandlung sowie in regelmäßigen Abständen während und nach der Therapie systematisch erfasst werden – idealerweise auf Grundlage der Selbsteinschätzung der Betroffenen.[1]
- Das Management von Fatigue ist ein wesentlicher Bestandteil einer umfassenden Krebsversorgung. Patient:innen sollten darüber informiert werden, dass Erschöpfung auch nach Abschluss der Therapie fortbestehen kann.[1]
Evidenzbasierte Maßnahmen zur Behandlung von Fatigue:
Die NCCN-Leitlinien empfehlen zunächst eine umfassende Abklärung möglicher behandelbarer Ursachen. Dazu gehören insbesondere Schmerzen, emotionale Belastung, Anämie, Schlafstörungen, Mangelernährung, eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit und Begleiterkrankungen.[1]
Während einer aktiven Krebstherapie empfiehlt die NCCN folgende nicht-medikamentösen Maßnahmen:[1]
- Bewegung und Training (Kategorie 1):
Regelmäßige körperliche Aktivität gilt als die wichtigste evidenzbasierte Maßnahme zur Behandlung von Fatigue. Empfohlen wird eine Kombination aus Ausdauertraining (z. B. Gehen, Joggen oder Schwimmen) und Krafttraining - Yoga (Kategorie 1)
- Massagetherapie (Kategorie 1)
- Psychoonkologische Unterstützung
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) bzw. Verhaltenstherapie (Kategorie 1), Kognitive Verhaltenstherapie bei Schlafstörungen (CBT-I) und Psychoedukative Programme
- Ernährungsberatung
- Lichttherapie mit hellem Weißlicht (1250–10,000 Lux, vorzugsweise morgens für 30–40 Minuten)
Für Patient:innen nach Abschluss der Krebstherapie empfiehlt die NCCN [1]
- Physical activity (Category 1): Maintain optimal level of activity and consider cardiovascular endurance and resistance training programs
- Yoga (Kategorie 1)
- Psychosoziale Interventionen (Kategorie 1): Kognitive Verhaltenstherapie (CBT), Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie bei Schlafstörungen (CBT-I), achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR), psychoedukative Maßnahmen sowie unterstützende, emotionsfokussierte Therapieangebote (z. B. Selbsthilfegruppen, psychosoziale Beratung oder therapeutisches Schreiben).
- Lichttherapie mit hellem Weißlicht
- Akkupunktur
- Nutrition consultation
Betroffene können ihre Fatigue zusätzlich durch folgende Maßnahmen aktiv beeinflussen:[1]
- Strategien zur Selbsthilfe entwickeln
- Das eigene Energieniveau regelmäßig beobachten: Aktivitäten priorisieren und realistische Ziele setzen, Belastungen gleichmäßig über den Tag verteilen, Aufgaben delegieren, körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten in Phasen höherer Energie einplanen, Hilfsmittel nutzen, um Kraft zu sparen, nicht notwendige Aufgaben verschieben
Tagschlaf möglichst begrenzen, um den Nachtschlaf nicht zu beeinträchtigen, einen strukturierten Tagesablauf beibehalten - Informationen über typische Verläufe und Erscheinungsformen (kognitive, körperliche und emotionale) der Fatigue während und nach einer Krebsbehandlung
- Ebenso wichtig ist das Wissen darüber, dass Fatigue körperliche, emotionale und kognitive Bereiche betreffen kann und therapiebedingte Erschöpfung nicht automatisch ein Hinweis auf ein Fortschreiten der Erkrankung ist.
Das NCCN betont, dass Maßnahmen stets individuell und unter Berücksichtigung persönlicher Bedürfnisse sowie kultureller Hintergründe ausgewählt werden sollten. Je nach Situation kann eine Überweisung an spezialisierte Fachbereiche sinnvoll sein, beispielsweise: Bewegungs- und Sporttherapie in der Onkologie, Physiotherapie, Ergotherapie, Physikalische Medizin und Rehabilitation, Survivorship-Programme, Palliativmedizin, Integrative Medizin, Psychoonkologie und Psychiatrie.[1]
Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse nach der ASCO
Auch die Leitlinien der American Society of Clinical Oncology (ASCO) empfehlen Bewegung, kognitive Verhaltenstherapie sowie achtsamkeitsbasierte Programme ausdrücklich zur Behandlung krebsbedingter Fatigue – sowohl während als auch nach einer Krebsbehandlung.[3] Besonders überzeugend ist die Evidenz für körperliche Aktivität: Eine umfassende Metaanalyse zeigt, dass Bewegungsprogramme den stärksten Effekt auf die Reduktion von Fatigue haben und in ihrer Wirksamkeit drei- bis viermal effektiver sein können als medikamentöse Ansätze. [4]

Häufigkeit und Auswirkungen
Etwa 30–60 % aller Krebspatient:innen leiden während der Behandlung unter Fatigue. Auch nach Abschluss der Therapie berichten noch 20–30 % über anhaltende Erschöpfung über Monate oder sogar Jahre hinweg.[3] Im Unterschied zu normaler Müdigkeit lässt sich krebsbedingte Fatigue nicht allein durch Schlaf oder Erholung beseitigen.[6][7][8] Sie kann sämtliche Lebensbereiche beeinträchtigen – darunter körperliche Leistungsfähigkeit, emotionale Stabilität, soziale Teilhabe und berufliche Aktivität – und damit die Lebensqualität erheblich einschränken.[3]
Was unterscheidet krebsbedingte Fatigue von normaler Müdigkeit?
Im Gegensatz zu gewöhnlicher Müdigkeit steht die krebsbedingte Fatigue nicht im Verhältnis zur vorausgegangenen körperlichen oder geistigen Belastung und lässt sich nicht zwangsläufig durch Schlaf oder Erholung lindern.[3] Sie kann die körperliche Leistungsfähigkeit, die kognitiven Funktionen, die emotionale Stabilität sowie die soziale Teilhabe beeinträchtigen und dadurch sowohl die Therapietreue als auch die allgemeine Lebensqualität negativ beeinflussen.[9] Die Ursachen der krebsbedingten Fatigue sind komplex und multifaktoriell; häufig wirken mehrere Einflussfaktoren gleichzeitig zusammen.[3]
Praktische Empfehlungen zum Umgang mit Fatigue
Praktische Empfehlungen zum Umgang mit Fatigue: Ergänzend zu den oben genannten evidenzbasierten Maßnahmen umfassen wirksame Selbstmanagementstrategien die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte, das Hinterfragen negativer Annahmen über den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Fatigue sowie ein besseres Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Emotionen und Fatigue.[10] Das Fatigue-Management sollte zunächst mit der Behandlung reversibler Einflussfaktoren – beispielsweise Schmerzen, Schlafstörungen, Ernährungsdefiziten oder medikamentenbedingten Nebenwirkungen – beginnen, bevor multimodale Interventionen zum Einsatz kommen.[11]
Quellen
- Cancer-Related Fatigue. National Comprehensive Cancer Network. Updated 2026-04-10.
- Survivorship. National Comprehensive Cancer Network. Updated 2026-04-08.
- Management of Fatigue in Adult Survivors of Cancer: ASCO-Society for Integrative Oncology Guideline Update. Bower JE, Lacchetti C, Alici Y, et al. Journal of Clinical Oncology : Official Journal of the American Society of Clinical Oncology. 2024;42(20):2456-2487. doi:10.1200/JCO.24.00541.
- Comparison of Pharmaceutical, Psychological, and Exercise Treatments for Cancer-Related Fatigue: A Meta-analysis. Mustian KM, Alfano CM, Heckler C, et al. JAMA Oncology. 2017;3(7):961-968. doi:10.1001/jamaoncol.2016.6914.
- Management of Fatigue in Adult Survivors of Cancer: ASCO–Society for Integrative Oncology Guideline Update. ASCO Guidelines.
- Yoga for Fatigue in People With Cancer. Messer S, Oeser A, Wagner C, et al. The Cochrane Database of Systematic Reviews. 2025;5:CD015520. doi:10.1002/14651858.CD015520.
- Cardiovascular Training Versus Resistance Training for Fatigue in People With Cancer. Oeser A, Messer S, Wagner C, et al. The Cochrane Database of Systematic Reviews. 2024;9:CD015519. doi:10.1002/14651858.CD015519.pub2.
- Cardiovascular Training for Fatigue in People With Cancer. Wagner C, Ernst M, Cryns N, et al. The Cochrane Database of Systematic Reviews. 2025;2:CD015517. doi:10.1002/14651858.CD015517.
- Efficacy of Mindfulness‐Based Interventions for Reducing Cancer‐Related Fatigue: A Systematic Review and Meta‐Analysis. Lee J, Kim M. Psycho-Oncology. 2026;35(3):e70435. doi:10.1002/pon.70435.
- Management of Common Clinical Problems Experienced by Survivors of Cancer. Emery J, Butow P, Lai-Kwon J, et al. Lancet (London, England). 2022;399(10334):1537-1550. doi:10.1016/S0140-6736(22)00242-2.
- Cancer-Related Fatigue in Cancer Survivors: An Updated Clinical Practice Review for Healthcare Providers. Bhinder JK, Astray D, Kennedy SKF, et al. Supportive Care in Cancer : Official Journal of the Multinational Association of Supportive Care in Cancer. 2026;34(3):219. doi:10.1007/s00520-026-10379-6.




